Victor Guarata sitzt in seinem Wohnzimmer in Starnberg und telefoniert mit seinem Bruder, der in der venezolanischen Hauptstadt Caracas lebt. Er fragt, ob dieser nach dem Angriff der USA Lebensmittel kaufen könne. Nach dem Telefonat ist Victor Guarata sichtlich beruhigt. "Es gibt keine Plünderungen, die Supermärkte sind voll", sagt er. Nach Feiern sei ihm aber nicht zumute. "Wir hoffen jetzt, dass das völkerrechtswidrige Vorgehen der USA in Venezuela der Beginn eines Wandels ist für meine Heimat, für ein freies Leben, für Demokratie."
Von Caracas nach München: Als Student gekommen
Victor Guarata kam vor 40 Jahren als Student für Fahrzeugbau nach München, mit einem Stipendium des Staates Venezuela. Als er zurückkehrten wollte, erkannte seine Heimat seinen Abschluss nicht an. Also blieb er in Bayern und gründete eine Familie. Er ist glücklich hier mit seiner Frau Martha, einer Kolumbianerin, und seinen zwei Söhnen.
Die Biografie von Familienvater Victor Guarata spiegelt die tragische Geschichte Venezuelas wider: das Auf und Ab zwischen Reichtum und Armut. Als er ging, war sein Land reich – als er zurückkehrte, war das Land arm. Der Staat, der ihm einst das Studium im Ausland finanzierte, schien ihn vergessen zu haben – genauso, wie die Welt in den Augen vieler Venezolaner in den letzten Jahren das Land Venezuela vergessen zu haben scheint.
Victors Wunsch: Mehr Interesse für die Not der Venezolaner
Das Handeln der USA gegenüber Venezuela beobachtet die Familie relativ ruhig. Sie denken eher an ihre Familie und Freunde, die nach ihrem Wissen in der Diktatur leben, im Gefängnis sind, bespitzelt und ermordet werden. In Venezuela gibt es auch keine Pressefreiheit, laut "Reporter ohne Grenzen" belegt das Land Rang 160 von 180 Ländern weltweit. Das Telefonat mit seinem Bruder führt Victor Guarata ohne Kamera, sie schicken sich keine Nachrichten. Denn das Regime kontrolliert jetzt Handys, um Kollaborateure mit der US-Regierung herauszufinden.
Bei aller berechtigten Kritik am Einmarsch der USA würde er sich wünschen, dass die Menschen hier in Bayern mehr noch die Not der Südamerikaner sehen, sich mehr über die Situation vor Ort informieren. "Viele Venezolaner wissen nicht, was sie morgen essen sollen", weiß Victor Guarata von seinen Besuchen in der Heimat.
Trotz Öl-Reichtum: Jeder zweite Venezolaner leidet unter extremer Armut
Jeder zweite Venezolaner leidet unter extremer Armut, sagt die Professorin Barbara Fritz, Expertin für lateinamerikanische Wirtschaft. Deswegen unterstützt auch Victor Guarata seine Verwandten in Venezuela jeden Monat mit 500 Euro.
Um die aktuellen Ereignisse in Venezuela zu verstehen, muss man wissen: Das lateinamerikanische Land verfügt über die größten Ölreserven der Welt. Aber Venezuela fördert gerade mal ein Prozent der weltweiten Ölproduktion. Dazu haben Missmanagement, mangelnde Investitionen und Sanktionen geführt. US-Präsident Donald Trump will das nun ändern und die US-Ölindustrie zurück nach Venezuela holen. US-Unternehmen bohrten in dem südamerikanischen Land bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts nach Öl.
Demonstrieren für Demokratie und die Rückkehr von Edmundo González
Langfristig hoffen Martha und ihr Mann darauf, dass Oppositionsführer Edmundo González aus seinem Exil in Spanien zurückkehrt und das Land in eine Demokratie steuert. Denn für sie – wie für die USA und die EU – gewann er die Wahlen 2024, auch wenn die von der Regierung kontrollierte Wahlbehörde einen knappen Sieg Maduros behauptete. Die aktuelle Interimspräsidentin Delcy Rodríguez sei zu eng mit dem repressiven Machtapparat des Ex-Machthabers Nicolás Maduro verbunden. Aber in der jetzigen Umbruchssituation sei sie ein Garant für Sicherheit.
Wenn alles vorbei ist, plant Martha Guarata ein großes Fest. Bis dahin ist die Familie erstmal froh, dass ihre Familie daheim wieder auf die Straße gehen kann, dass sie in Ruhe einkaufen können, keine Plünderungen stattfinden.
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