Eine Person hält einen Flyer des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Zuvor hat der Sanitätsdienst einen neuen Fragebogen zur Erkennung von posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) vorgestellt.
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Flyer des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, der einen neuen Fragebogen zur Erkennung von posttraumatischer Belastungsstörung vorgestellt hat

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Wie die Bundeswehr Soldaten mit Belastungsstörungen hilft

Wie die Bundeswehr Soldaten mit Belastungsstörungen hilft

Sie haben Albträume, sind schnell gereizt oder schotten sich ab: Soldaten, die traumatisiert aus einem Einsatz zurückgekommen sind. Die Bundeswehr hat jetzt eine Kampagne gestartet, um so eine Belastungsstörung möglichst früh zu erkennen.

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Erst habe sie gar nicht richtig mitbekommen, was mit ihrem Mann los war. So schildert es eine Angehörige im BR24-Interview. Ihr Name soll – wie in solchen Fällen üblich – nicht genannt werden. Als er von einem Auslandseinsatz zurückkam, war gerade Corona-Lockdown. Oft sei er zwei Wochen am Stück in der Kaserne gewesen – kein normaler Alltag also. Dann aber: ein Anruf von ihrem Mann, als er gerade auswärts auf einem Lehrgang war. Es gehe ihm nicht gut, er müsse nach Hause kommen.

PTBS: Albträume und Angst vor Dunkelheit

Später habe er ihr berichtet, "dass er nachts nicht schlafen kann" – wegen seiner Albträume. Außerdem habe er Angst davor gehabt, nach Einbruch der Dunkelheit im Freien zu sein. "Es war ja im Sommer: Ich habe das gar nicht bemerkt, dass er nicht im Dunkeln draußen sein konnte." Jetzt aber fügten sich die Puzzleteile zusammen. Und so bat sie ihren Mann darum, sich Hilfe zu suchen.

Ein Schritt, der viele Soldaten Überwindung kostet. Das macht Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann deutlich. Unter Soldaten sei es "nicht gerade üblich, dass man sich zu Schwächen bekennt". Nach einem belastenden Einsatz versuchten die meisten einfach, "ihr Leben wieder zu sortieren", sagt der Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr im BR24-Gespräch. Meistens gelinge das auch – und nach einer gewissen Zeit laufe alles wie gehabt. "Manchmal funktioniert das aber nicht, weil man tatsächlich eine schwere Traumatisierung erlitten hat."

Für PTBS-Früherkennung sind Angehörige besonders wichtig

Dann kann eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung auftreten (kurz: PTBS). Sie äußert sich zum Beispiel in Schlafstörungen, ständiger Unruhe, Reizbarkeit und Teilnahmslosigkeit. Werden solche Symptome sichtbar, kommt es nach den Worten von Hoffmann gerade auf die Angehörigen an. Sie würden als erstes mitbekommen, "dass man Schwierigkeiten hat, in das Leben zurückzufinden".

Um solche Probleme möglichst früh zu erkennen, hat die Bundeswehr jetzt eine Kampagne gestartet. Kernstück ist ein neuer Online-Fragebogen. Er soll es Angehörigen erleichtern, Warnzeichen rechtzeitig zu erkennen. Gefragt wird zum Beispiel danach, ob sich die Partnerin oder der Partner charakterlich verändert hätten. Oder ob sie die Nähe zu nahestehenden Personen neuerdings meiden und sich zurückziehen. Oder ob sie "schnell auf 180" seien. Wer sich im Fragebogen durchklickt, bekommt am Ende eine erste Einschätzung.

Bundeswehr: Fast 200 PTBS-Fälle im Jahr 2023

Für 2023 weist die Bundeswehr 322 einsatzbedingte psychische Neuerkrankungen bei Soldaten aus. Darunter seien 197 PTBS-Fälle gewesen – so viele wie im Jahr zuvor. Damit waren sie die am häufigsten diagnostizierte psychische Erkrankung bei der Truppe. Die Bundeswehr schätzt, dass rund drei Prozent aller Soldaten im Einsatz eine PTBS-Störung erleiden und nur die Hälfte davon diagnostiziert wird. Hier soll der Fragebogen Abhilfe schaffen. Und wenn die Diagnose einmal gestellt ist, gebe es bei der Bundeswehr ein ganzes "Behandlungsnetz", so der Generaloberstabsarzt.

"Es gibt gute und schlechte Momente", sagt die Frau des betroffenen Soldaten auf die Frage, wie es der Familie nun gehe. "Es ist nicht immer einfach." Aber es gebe eben auch Hilfe – und Therapiemöglichkeiten: für ihren Mann, für sie als Paar, auch für die Kinder der beiden. Doch ganz wie früher werde es wohl nicht mehr. "Er ist nicht mehr der, der er vorher war", sagt sie über ihren Mann. Das zu realisieren, sei schmerzhaft gewesen, jetzt aber sei es in Ordnung: "Man fängt neu an."

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