Imbiss-Besitzer und Drogendealer Osama und sein Mitarbeiter Yahya im Auto
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Majd Eid (links) und Nader Abd Alhay als Osama & Yahya
Bildrechte: Once Upon A Time in Gaza / Tarzan und Arab Nasser
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Majd Eid (links) und Nader Abd Alhay als Osama & Yahya

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Ein moderner Western: Once Upon A Time in Gaza

Ein moderner Western: Once Upon A Time in Gaza

"Once Upon A Time in Gaza" spielt im Gaza vor der flächendeckenden Zerstörung. Bei den Filmfestspielen in Cannes gewann der Film von Tarzan und Arab Nasser den Preis für die beste Regie in der Sektion "Un Certain Regard". Jetzt läuft er im Kino.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Morgen am .

Wie kann man vom Leben in Gaza erzählen? Vom Leben vor den flächendeckenden Zerstörungen des Gaza-Kriegs? Und vor allem: Wie kann man fiktive Geschichten erzählen? Keine Dokumentation von Einzelfällen, sondern einen Spielfilm, mit künstlerischen Mitteln, spielerisch überspitzt und allgemeingültig?

Die Brüder Arab und Tarzan Nasser haben sich entschieden: Ihr Film "Once Upon A Time in Gaza" ist als moderner Western angelegt. Es geht um Gesetz und Ordnung, um Rache, Gewalt, Ehre und den Kampf gegen Banditen. Die Perspektivlosigkeit ähnelt der eines staubigen Westerndorfs, der Saloon ist ein Falafel-Laden und der Postkutschenraub ein Überfall auf einen Jeep der israelischen Armee.

"Once Upon A Time in Gaza" spielt 2007. Der schüchterne Student Yahya lernt den charismatischen Osama kennen und beginnt in seinem Falafel-Laden zu arbeiten. Die Lieferungen außer Haus sind Tarnung für Drogengeschäfte. Mit gefälschten Rezepten kommen die beiden an Medikamente, die sie als Drogen verkaufen. Die Einnahmen fließen hier aber nicht in Luxusschlitten und Swimmingpool, Osama kauft davon einfach nur Öl, Gemüse und Gas – was er im Laden halt so braucht. Doch die Drogenfahndung der Hamas und ein korrupter Polizist haben ihn im Visier.

Ein Actionfilm von der Hamas

Und dann beginnt der zweite Akt: Yahya wird für die Hauptrolle eines Films gecastet, er soll den Rebellenführer im ersten "Actionfilm aus Gaza" spielen. Statt martialisch-verwackelter Propaganda-Videos setzt die Hamas hier auf die Verfilmung eines Märtyrerlebens in Spielfilmlänge.

Dieser Film im Film ist ein Füllhorn an skurrilen Szenen: Wie der Kulturminister sich freut – "Sind wir jetzt Hollywood?" – und man sich auf "Gazawood" einigt. Wie ein palästinensischer Schauspieler in der Uniform eines israelischen Soldaten seine Requisiten ausgehändigt bekommt: links ein Gewehr, rechts eine siebenarmige Menora.

Vor allem aber ist dieser Film ein Essay über Filme an sich. Über Propaganda, Werbung, Widerstand. Die Hamas – die den Actionfilm finanziert – sieht in dem Streifen eine Form des Widerstands und freut sich: ein Actionfilm aus Gaza – und die Welt schaut zu! Einer von vielen doppeldeutigen, bitteren Sätzen des Films.

Hollywood? Gazawood!

Denn eines ist klar: Man kann diesen Film nicht schauen, ohne den Kontext mitzudenken. Auch im Film ploppen immer wieder die Nachrichten auf, jedes Falafelbrot ist mit den Zeitungsmeldungen umwickelt und berichtet über die Zuspitzung des Konflikts. Die Figuren lassen die Politik unkommentiert – aber entrinnen können sie ihr nicht.

Und dann ist da noch ein Problem: Weil kein Geld für Spezialeffekte da ist, wird mit echten Waffen gedreht: mit echten Waffen, echter Munition und am Ende auch echten Toten. Die Sache endet westerntypisch in einer großen Schießerei bei Vollmond. Aber was heißt da "endet": Kein erlösendes "The End" markiert hier den Übergang von Fiktion zu Realität, stattdessen heißt es "It will end". Das Ende von "Once Upon A Time in Gaza" liegt in der Zukunft. Denn Film und Wirklichkeit lassen sich hier nicht trennen. Das ist die Erkenntnis dieses außergewöhnlichen Films.

"Once Upon A Time in Gaza": Ab 12. Februar im Kino – auf Arabisch mit englischen Untertiteln.

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