Fußballerbein mit Ball im Olympiastadion
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Der Autor Christoph Biermann ergründet in seinem Buch "Die Tabelle lügt immer" die Wirkmächtigkeit des Zufalls im Fußball.
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Der Autor Christoph Biermann ergründet in seinem Buch "Die Tabelle lügt immer" die Wirkmächtigkeit des Zufalls im Fußball.

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Größer als gedacht: Die Rolle des Zufalls im modernen Fußball

Größer als gedacht: Die Rolle des Zufalls im modernen Fußball

Fußball-Autor Christoph Biermann erkundet in seinem Buch "Die Tabelle lügt immer" den Einfluss des Zufalls im Fußball. Er zeigt, wie Vereine und Trainer versuchen, ihn für sich zu nutzen. Oder – Stichwort Videobeweis – ihn aus dem Spiel zu nehmen.

Über dieses Thema berichtet: Capriccio am .

Fußballweisheiten gibt es viele. Bayern-Co-Trainer-Legende Hermann Gerland sagt zum Beispiel gerne: "Immer Glück ist Können", gewissermaßen als Erklärung für das sprichwörtliche Bayern-Dusel. Aber ist das so? Kann man sich Glück im Fußball erarbeiten, es sich verdienen? Oder gibt es da vielleicht einen Bereich zwischen Leistung und Ertrag, der schlicht und einfach vom Zufall abhängt?

Vermessung einer verborgenen Kraft im Fußball

Autor und 11Freunde-Journalist Christoph Biermann fängt mit seiner Vermessung des Zufalls im Fußball ganz grundsätzlich an: "Fußball ist ein Spiel, in dem wir eigentlich etwas völlig Verrücktes machen: Anstatt den Ball in die Hand zu nehmen, versuchen wir, ihn mit dem Fuß zu spielen!" Das sei – trotz technisch immer besserer Profis – das Einfallstor für Chaos.

Zufall begünstigt den Außenseiter

Tatsächlich geschehen vor annähernd jedem zweiten Tor zufällige Dinge: Aussetzer, Abpraller, Ausrutscher, abgefälschte Schüsse. Und weil im Schnitt nur drei Tore pro Spiel fallen, haben Außenseiter im Fußball viel bessere Chancen als in anderen Sportarten, sagt Biermann. Für ihn einer der Hauptgründe, warum Fußball weltweit Sportart Nummer eins ist. "Wenn man sich überlegt, dass seit 150 Jahren Fußball gespielt wird – und wir manchmal immer noch dastehen und sagen, das gibt’s doch gar nicht!"

Aus Taktik wird Stochastik

Seit einigen Jahren haben allerdings die Probabilisten den Fußball übernommen, die Dompteure des Zufalls, wenn man so will. Sie bewerten das Geschehen rein auf Basis von Wahrscheinlichkeiten und Statistiken. Etwa mithilfe von "Expected Goals", also der Wahrscheinlichkeit, mit der ein Spieler in einer bestimmten Abschlusssituation ein Tor erzielt. Biermann beschreibt aufschlussreich, wie der Fußball durch Millionen erhobener Daten immer gläserner wird, wie Entscheidungen an der Seitenlinie immer öfter nicht mehr aus dem Bauch heraus getroffen werden, sondern aufgrund von statistischen Erfolgswahrscheinlichkeiten. Künftig mit (noch mehr) KI-Unterstützung.

Wann lügt Tabelle nicht mehr?

Auch Christoph Biermann ist inzwischen ein bekehrter Probabilist, einer seiner Leitsprüche steht schon auf dem Cover seines Buches: "Die Tabelle lügt immer". Die Annahme, dass eine Tabelle niemals lüge, sich am 34. Spieltag Glück und Pech, Verletzungen und Fehlentscheidungen quasi auf null gesetzt hätten, sei völliger Unsinn, sagt Biermann. Jede Fußballtabelle enthalte eine gewisse zufallsbedingte Unschärfe. Um ein objektives, von Zufällen bereinigtes Bild der tatsächlichen Leistungsstärken über eine Spielzeit liefern zu können, müsste eine Saison laut englischen Mathematikern über 700 Spieltage haben.

Biermann erzählt auf seiner mit vielen Zahlenreihen und Tabellen unterfütterten Recherchereise auch davon, wie Trainer und Analysten heute versuchen, den Zufall auf ihre Seite zu ziehen. Etwa indem man vor allem Einwürfe und Standardsituationen trainiert, Situationen also, die ganze Spielverläufe auf den Kopf stellen können. Oder wie andere versuchen, den Zufall zu eliminieren – Stichwort: Fehlentscheidungen. Die Einführung des Videobeweises VAR vor ein paar Jahren war der große Versuch, den Fußball endlich gerechter zu machen. Gute Sache, oder?

"VAR macht Fußball nicht gerechter!"

"Es geht nicht um Gerechtigkeit im Fußball", erwidert Biermann hier. Das Fußballspiel sei nicht dafür da, dass man herausfindet, wer die bessere Mannschaft ist. Es sei dazu da, herauszufinden, wer das Spiel gewinnt. Das sei ein wichtiger Unterschied. "Und deshalb halte ich die Gerechtigkeit, die der VAR bringt, für eine komplett fragwürdige Angelegenheit!" Von aus Fan-Sicht problematischen Aspekten wie einem inzwischen gängigen Torjubel-Vorbehalt einmal ganz abgesehen.

Droht Entmystifizierung des Fußballs?

Ob man will oder nicht, nach der Buchlektüre sieht man den Fußball mit anderen Augen. Ganz gleich, ob als Fan oder als Trainer. Puristen mögen entgegnen, dass zu viel Statistik und zu viel Berechnung die Seele des Spiels gefährden. Diese Befürchtung hörte Christoph Biermann bei Gesprächen immer wieder. Doch er bleibt relativ gelassen. Wo 44 Beine, vier Arme und ein Ball im Spiel sind, werde immer irgendwie der Zufall beteiligt sein, versichert er. Und – rein statistisch – ist dann an besonderen Tagen alles möglich.

Christoph Biermann: "Die Tabelle lügt immer. Über die Macht des Zufalls im Fußball", Verlag Kiepenheuer & Witsch, 18 Euro

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