Bei einem Manöver der russischen Armee am 16. September 2025
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Wladimir Putin in Tarnfarben: Wie gefährlich ist ein Waffenstillstand für ihn?
Bildrechte: Mikhail Metzel/Picture Alliance
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Wladimir Putin in Tarnfarben: Wie gefährlich ist ein Waffenstillstand für ihn?

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"Schreckliche Sackgasse": Kann Putin den Krieg nicht beenden?

"Schreckliche Sackgasse": Kann Putin den Krieg nicht beenden?

Russland kämpfe aus "Mangel an Alternativen" - die Aussage von Kremlsprecher Peskow hat ein großes Echo ausgelöst. Politologen argwöhnen, Putin könne den Krieg nicht mehr stoppen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen - politisch und finanziell.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

"Russland ist zu einer friedlichen Lösung bereit und setzt derzeit seine spezielle Militäroperation aus Mangel an Alternativen fort. Auf die eine oder andere Weise wird Russland seine Interessen wahren und seine Ziele erreichen", so Kremlsprecher Dmitri Peskow (externer Link) auf westliche Vorwürfe, Putin sei "stur" und verweigere sich einem baldigen Waffenstillstand. Dafür handelte sich Peskow jede Menge Hohn und Spott aus dem eigenen Land ein, zumal das Wort von "mangelnden Alternativen" mehrdeutig aufgenommen wurde.

So schrieb Politologe Lew Werschinin (externer Link): "Ich übersetze aus dem Peskow-Sprech: 'Die Leute im Kreml sind sehr unzufrieden mit den Bedingungen, unter denen die EU bereit ist, ihnen Gnade zu gewähren, und sie hoffen inständig, dass der freundliche Trump diese Bedingungen zumindest ein wenig abmildert.'"

"Peskow erinnert an kleinen Gauner"

Peskow träume wohl davon, mit dem "Immobilienexperten" und US-Sondergesandten Steve Witkoff wieder ins Geschäft zu kommen, hieß es abschätzig (externer Link). Der Kreml versuche verzweifelt, in den "gemütlichen Kokon" zurückzuschlüpfen, in dem er sich einst wohlig eingerichtet habe: "Pressesprecher Peskow gibt sich in seinen Aussagen manchmal demonstrativ naiv und erinnert an einen kleinen Gauner, der versucht, einem arglosen Passanten Geld abzuluchsen."

Publizist Maxim Schewtschenko kommentierte dazu ironisch (externer Link), der Hauptvorwurf der USA sei inzwischen wohl, dass Putins Krieg so lange andauere, zumal Donald Trump bemerkt hatte, Russland hätte "in einer Woche gewinnen" müssen. Kremltreue Propagandisten fanden dagegen: "Peskow reagierte ruhig und ohne Pathos."

"Platzieren Sie Ihre Einsätze"

Journalist Andrei Kalitin vertritt die Ansicht (externer Link), Putin könne seinen Angriffskrieg mangels Alternativen tatsächlich nicht mehr beenden: "Die Spezialoperation hat sich längst und unwiderruflich in ein Geschäftsmodell verwandelt. In den letzten dreieinhalb Jahren ist im Land eine vollwertige Militärindustrie entstanden und gereift – ein eigenständiger Wirtschaftszweig." Die Schützengräben seien zur "Arbeitsvermittlungsstelle" geworden, in denen es täglich viele neue "offene Stellen" gebe.

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Peter Jungblut

"Heute ist die Spezialoperation ein nationales Projekt ohne Konzept, aber mit einer Buchhaltungsabteilung. Aus einem Startup mit einem Budget, das alle anderen übertrifft, ist ein Wirtschaftszweig mit eigenen Nutznießern geworden", so Kalitin: "Wer hat behauptet, Russisches Roulette könne kein Geschäft sein? Das ganze Land spielt seit 1.300 Tagen in diesem Todeskasino. Der Croupier will und kann das Spiel nicht stoppen. Sobald er das Licht anmacht, werden sie ihn fragen: 'Warum hast du überhaupt angefangen?' Es gibt also keine Alternative. Platzieren Sie Ihre Einsätze in stockfinsterer Nacht."

"Putin hat gar keinen Nachfolger"

Ähnlich sieht es der in London lehrende Politologe Wladimir Pastuchow. Er schreibt (externer Link): "Ja, mit Chinas Hilfe kann Putin diesen Krieg lange durchhalten, aber selbst mit Chinas Hilfe kann er ihn nicht gewinnen. Das heißt, die Zeit arbeitet gegen ihn. Es ist keine Überraschung, dass er eine weitere Front eröffnete und der Zeit selbst den Krieg erklärte, in der Absicht, ewig zu leben." Das bezieht sich darauf, dass sich Putin in letzter Zeit bemerkenswert intensiv mit "Verjüngungsmöglichkeiten" beschäftigte, auch im Gespräch mit dem chinesischen Amtskollegen Xi Jinping.

Putin sei mittlerweile sein eigener Gefangener, argumentiert Pastuchow: "Weil er weiß, dass mit seinem Abgang JEDER Nachfolger diesen Krieg beenden wird. Das heißt, er hat gar keine Nachfolger und kann auch keine haben. Das ist eine schreckliche Sackgasse für das Land, für den Staatsapparat und für Putin persönlich."

"Keine Ziele, keine Willen, keine Präferenzen"

Für die in Amsterdam erscheinende "Moscow Times" äußerte Publizist Sergei Schelin die Erwartung (externer Link), der Krieg werde mindestens bis weit ins nächste Jahr geführt. Die "vermeintliche" russische Elite habe keine Ziele, keinen Willen, keine eigenen Präferenzen. "Es gibt derzeit niemanden und nichts, was Putin von außen unter Druck setzen könnte. Militärische und wirtschaftliche Schwierigkeiten sind offensichtlich, aber sie berühren ihn nicht im Geringsten, und er kann sie lange Zeit ignorieren."

In der US-Zeitschrift "The Atlantic" analysiert Publizist Andrew Ryvkin (externer Link): "Putin zu unterschätzen ist gefährlich, doch ihm schwarze Magie zuzuschreiben, lässt den russischen Führer in westlichen Köpfen mächtiger erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Würden die Amerikaner Putin nüchterner betrachten, sähen sie in ihm einen Diktator, der alles auf eine gescheiterte Invasion, den Verlust seines Einflussbereichs und eine rapide abkühlende Wirtschaft setzt. Eine realistische Sicht auf seine Lage würde Putin seines größten Machtinstruments berauben: der Annahme, er sei unbesiegbar."

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