Alle Jahre wieder steht auch der Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler an Heiligabend vor den Gläubigen und predigt. Doch für ihn ist es jedes Jahr eine Herausforderung, die richtigen Worte zu finden. "Du hast ja bekanntlich in den Weihnachtsgottesdiensten viele, die sonst unterm Jahr nicht da sind. Und das ist ein sehr kritisches Publikum. Denn die Leute, die sonst immer da sind, die verzeihen es dir sehr schnell, wenn es mal eine langweilige Predigt ist – aber wenn man schon mal in einen Gottesdienst kommt, dann möchte man auch wirklich angesprochen sein", sagt der Pfarrer.
Viele gehen nur in den Weihnachtsgottesdienst
Der Anspruch an die Weihnachtspredigt ist durch die vergleichsweise vielen Menschen, die nur an Heiligabend in die Kirche gehen, höher als sonst. Hinzu kommt, "dass man ja mit sehr vielen Emotionen kommt und an diesem Gottesdienst teilnimmt und jeder eine andere Geschichte, auch Familiengeschichte mitbringt. Aber im Gottesdienst geht es halt immer um dasselbe Geschehen", so Schießler.
Es geht um die Geburt Jesu, über die gepredigt wird. Ein Ritual, bei dem es auch um Stabilität geht, um das "alle Jahre wieder", meint Pfarrer Martin Garmeier aus Erding. Trotzdem versucht er, die theologischen Inhalte jedes Jahr aufs neue anders auszulegen. "Das ist oftmals das Schwierige, zu Weihnachten einen neuen Scheinwerfer zu setzen. Aber gerade in so einer Situation natürlich auch die Chance, dass ich viele erreiche, die ich sonst nicht erreiche, weil sie sonst nicht da sind und dann hab ich mich anzustrengen, dass ich denen was mit auf den Weg gebe, was auch Tiefgang hat."
Predigt: Einfache Wortwahl – aber mit Niveau
Dabei achtet der Pfarrer ganz genau darauf, was er wie sagt, um die vielen unterschiedlichen Gottesdienstbesucher an Weihnachten zu erreichen. Auch mit der richtigen Wortwahl. "Es darf keine platte Sprache sein. Aber wenn ich dann in einfachen Worten spreche, dann ist das für die Leute ansprechend, wenn das auch ein entsprechendes inhaltliches Niveau hat. Und man darf natürlich auch nicht übersehen, die Landbevölkerung angemessen anzusprechen", sagt der Erdinger Pfarrer.
Die evangelische Pfarrerin an der Münchner Erlöserkirche, Annette Schumann, hat zwei Tage lang an ihrer Weihnachtspredigt gefeilt. "Ich überleg mir: Wie könnten sich die Hörer fühlen, wenn sie in den Heiligabend-Gottesdienst kommen? Abgehetzt oder aufgewühlt, glücklich, kommen sie aus Pflichtgefühl wegen Angehörigen? Dann frag’ ich mich auch immer: Welche Themen bewegen Menschen zurzeit besonders? Und dann schaue ich, welche Anknüpfungen gibt es im Predigttext zu diesen Themen, die für die Teilnehmer des Gottesdienstes eine Rolle spielen?", erklärt Pfarrerin Annette Schumann ihr Vorgehen beim Predigtschreiben.
Wie politisch darf es an Weihnachten werden?
Einen Grundsatz hat die Pfarrerin dabei an Weihnachten: "Politisches blende ich eher aus – es geht ja um die Frohe Botschaft, ich möchte Freude rüberbringen, Worte, die ermutigen und die Kraft schenken." Und zwar so, sagt die Pfarrerin, dass es möglichst alle Gottesdienstbesucher erreicht. Wie politisch es an Weihnachten werden darf, das ist ein Stück weit Geschmacksfrage.
So vertritt etwa der Predigt-Wissenschaftler Wolfgang Beck die Position, Weihnachtspredigten sollten unbedingt gesellschaftliche Themen aufgreifen. "Eine Predigt, die das vermeiden will, halte ich für problematisch – weil sie die Themen ausblendet, die die Menschen beschäftigen. Das wäre letztlich das Gegenteil dessen, wofür das Weihnachtsereignis steht" sagte der Priester und Professor am Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Sankt Georgen in Frankfurt am Main dem Portal "katholisch.de".
Predigten könnten etwa eine Art Anwaltschaft für politische Themen übernehmen, die leicht übersehen werden. Es sei deshalb wichtig, gesellschaftliche und kulturelle Bezüge herzustellen, betonte Beck: "Damit wird erkennbar, dass der christliche Glaube konkrete Bezüge zum eigenen Leben und dem gesellschaftlichen Miteinander hat."
Mit Informationen der KNA
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