"Scheinlösung", "Lippenbekenntnis": Solche Begriffe fallen in den ersten Reaktionen der Autoindustrie auf das angekündigte Aus vom Verbrenner-Aus. In den Unternehmen und im Verband der Automobilindustrie (VDA) befürchtet man offenbar, dass die von der EU angestrebten Regeln in der Umsetzung zu noch mehr Regulierung führen werden als bisher. Darüber hinaus betont man, dass es sich bisher nur um einen Vorschlag der EU-Kommission handele, der viele Fragen unbeantwortet lasse.
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Bayerische Autobauer äußern sich zurückhaltend
Bei BMW in München heißt es: Es sei nur ein erster Schritt, dass die EU nicht mehr auf Technologie-Verbote setze. Nun komme es auf die Umsetzung an. Noch sei offen, ob man den Weg aus der regulatorischen Sackgasse finde, so der Münchener Konzern. Der Ingolstädter Wettbewerber Audi will sich nicht direkt äußern und verweist auf den Mutterkonzern Volkswagen. Laut einem VW-Sprecher ist die Brüsseler Entscheidung im Prinzip wirtschaftlich vernünftig.
Branchen- Verband äußert deutliche Kritik
Harsche Kritik kommt vom Verband der Automobilindustrie. Laut VDA-Präsidentin Hildegard Müller ist der EU-Vorschlag nicht durchdacht und in der Praxis womöglich wirkungslos. So schreibe man den Herstellern zum Beispiel die Verwendung von sogenanntem grünen Stahl oder von alternativen Kraftstoffen vor. Das seien aber Themen, bei denen völlig ungeklärt sei, in welchen Mengen und zu welchen Preisen diese verfügbar seien.
Wirtschaftsvereinigung fordert mehr Planungssicherheit
Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) sieht bei diesen Themen ebenfalls noch deutlichen Nachbesserungsbedarf. Die Industrie brauche Planungssicherheit, so der Verband. Der Einsatz und die Anrechnung von grünem Stahl in den CO2-Fußabdruck wäre aber ein neuer Unsicherheitsfaktor. Die notwendigen Voraussetzungen für eine solche Stahlproduktion in Europa zu wettbewerbsfähigen Preisen seien nämlich noch gar nicht gegeben und können von den Autoherstellern auch gar nicht beeinflusst werden. Hier seien vielmehr die EU selbst und die Nationalstaaten gefordert.
vbw-Geschäftsführer: Autobauer nicht für alles verantwortlich
vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt fordert deshalb deutliche Nachbesserungen beim Autopaket. Darüber hinaus dürfe man nicht vergessen, dass für manche Probleme der Elektromobilität gar nicht die Autohersteller verantwortlich seien - etwa bei der lückenhaften Lade-Infrastruktur. So sei die Versorgung an Autobahnen zwar gut. Aber: "Wenn ich ins ländliche Niederbayern fahre und die nächste Ladesäule ist 20 Kilometer von meinem Zielort entfernt, dann beginnt es schwierig zu werden, um es ehrlich zu sagen." Man müsse deswegen gerade in einem Flächenland wie Bayern die Mobilität auch in den ländlichen Regionen organisieren und nicht nur in den Großstädten.
Zulieferer hofft auf "Ruck durch die Industrie"
Auch in der mittelständisch geprägten Zulieferbranche wird die jüngste Ankündigung der EU-Kommission heiß diskutiert. Manfred Faißner ist Vorstand der Faissner Petermeier Fahrzeugtechnik AG. Das Unternehmen aus dem oberbayerischen Garching beschäftigt mehr als 100 Mitarbeiter und beliefert verschiedene Hersteller. Faißner sieht das Paket grundsätzlich positiv: "Es hilft der ganzen Automobilindustrie und ich hoffe, dass wieder ein gewisser Ruck durch unsere Industrie geht, dass man sagt: Die Zukunft liegt in beidem, in der E-Mobilität und im Verbrenner."
Gewerkschaft erwartet positives Signal für Standort Bayern
Erleichtert zeigt man sich auch bei der IG Metall. Dort hofft man, dass die Lockerungen beim Verbrenner-Aus den Abwärtstrend der bayerischen Autobranche und den damit verbundenen Arbeitsplatzabbau bremsen können. Die angekündigte Neuregelung verschaffe der Industrie und ihren Zulieferern Luft beim Wandel zur Klimaneutralität, so Horst Ott, Bezirksleiter der IG Metall Bayern. Als Konsequenz folgert er daraus eine klare Ansage: "Die Unternehmen haben jetzt keine Ausreden mehr für Stellenabbau und Verlagerungen. Die Autoindustrie muss jetzt unsere heimischen Arbeitsplätze sichern und mit den Verlagerungen aufhören." Eines aber gelte unverändert, und da ist sich Gewerkschafter Ott grundsätzlich mit Industrievertretern einig: E-Mobilität bleibe die Schlüsseltechnologie der Zukunft.
Autos bayerischer Hersteller
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