Der Zufallsschuss: klassische Gentechnik
Bei der klassischen Gentechnik wird das Erbgut einer Pflanze verändert, indem man ihr ein oder mehrere Gene von außen zugibt. Diese Gene können von einer anderen Pflanze oder sogar von Bakterien stammen. Hier spricht man vom "Zufallsschuss". Das neue (meist artfremde) Gen wird in die Bauanleitung der Pflanze "hineingeschossen" und landet an einer zufälligen Stelle. Das Problem: Man kann nicht genau steuern, an welcher Stelle im Erbgut die neuen Gene landen. Das passiert zufällig. Dadurch besteht die Wahrscheinlichkeit, dass es zu unerwarteten Veränderungen kommen kann. Beispiel: Eine Maissorte bekommt ein Gen von einem Bakterium, damit sie resistent gegen bestimmte Schädlinge wird. Dieses fremde Gen wäre von selbst nie im Mais entstanden.
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Der Präzisionsschnitt: Neue Grüne Gentechnik
Neue Genomische Techniken (NGT) umfassen moderne Verfahren wie CRISPR/Cas, auch Gen-Schere genannt. Es wird keine fremde DNA in die Pflanze eingebaut. Stattdessen verändert man sehr gezielt die eigenen Gene der Pflanze. Mithilfe der Gen-Schere kann man präzise die Stelle bestimmen, in der sie schneiden soll. Hier spricht man vom Präzisionsschnitt im Gegensatz zur klassischen Gentechnik. Die Pflanze wiederum repariert den Schnitt selbst. Dabei wird ein Gen verändert, ausgeschaltet oder leicht umgeschrieben. Das Ergebnis kann eine Veränderung sein, die genauso zufällig in der Natur entstehen könnte, betont die Wissenschaft. Beispiel: Forscher verändern bei einer Tomate einen einzigen eigenen DNA-Baustein. Dadurch wird die Tomate widerstandsfähiger gegen eine bestimmte Krankheit. Fremde Gene werden nicht eingefügt.
Kennzeichnung: EU unterscheidet innerhalb der Neuen Grünen Gentechnik
Nach den nun beschlossenen Lockerungen unterscheidet die EU zwischen den Kategorien NGT1 und NGT2. Die weniger strengen Regeln betreffen nur das Verfahren NGT1. Demnach wird kein artfremdes genetisches Material eingebaut, sondern nur das eigene Erbgut der Pflanze verändert. Diese Veränderungen könnten theoretisch auch durch konventionelle Züchtung oder zufällige Mutationen entstehen. In der Kategorie NGT1 dürfen auch nur maximal 20 genetische Veränderungen vorgenommen werden. Ausschließlich für die Kategorie gelten die Lockerungen der EU. Alles aus der klassischen Gentechnik und selbst viele Pflanzen aus der Neuen Grünen Gentechnik (wenn etwa mehr als 20 Merkmale verändert worden sind) müssen weiterhin gekennzeichnet werden und werden es deshalb wohl nicht auf deutsche Acker und in deutsche Supermarktregale schaffen.
Warum macht die Leopoldina einen Unterschied?
Die Leopoldina [externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt] und viele andere Wissenschaftsorganisationen erklären: Wenn bei einer genom-editierten Pflanze keine fremde DNA eingeführt wurde und die Veränderung auch ganz natürlich auftreten könnte, sollte sie nicht wie klassische Gentechnik reguliert werden. Der Grund: Die neuen Verfahren sind viel genauer und vorhersehbarer. Wichtig ist, wie die Pflanze am Ende wirklich aussieht und welche Eigenschaften sie hat. Nicht, welches Verfahren benutzt wurde. Nur wenn neue, größere DNA-Abschnitte eingefügt werden, sollte die Pflanze wie klassische Gentechnik behandelt werden, so die Sicht der Wissenschaftler. Die Leopoldina betont außerdem, dass die EU-Regeln zur Gentechnik veraltet sind. Sie stammen aus einer Zeit, als moderne Gen-Scheren schlicht nicht existierten.
Welche Vorteile kann Neue Grüne Gentechnik bringen?
Moderne Züchtungsverfahren sollen helfen, Pflanzen schneller und genauer zu verbessern. Das ist wichtig, weil das Klima sich verändert und Pflanzen widerstandsfähiger werden müssen. Das Zucht-Ziel sind Pflanzen, die besser mit Trockenheit oder Hitze umgehen. Oder die weniger Pflanzenschutzmittel brauchen, weil sie von Natur aus resistenter sind. Mit NGT geht die Züchtung schneller. So wurde Weizen entwickelt, der von sich aus besser gegen Mehltau geschützt ist. Das spart Fungizide und schont die Umwelt.
Warum gibt es trotzdem Diskussionen?
Einige Gruppen sind weiterhin vorsichtig oder kritisch: Sie wollen auch neue Verfahren streng prüfen, weil Risiken nicht komplett ausgeschlossen werden können. Sie halten es für problematisch, dass später Pflanzen aus "normaler" Züchtung nicht mehr zu unterscheiden sind von Pflanzen mit Genome Editing. Andere sorgen sich um das Vorsorgeprinzip: Erst ganz sicher sein, dann anwenden. Trotzdem betonen fast alle wissenschaftlichen Fachgremien, dass die neuen Techniken präziser und sicherer sind und dass sie sich deutlich von der klassischen Gentechnik unterscheiden.
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