München, Anfang Dezember 2025. Ein junger Mann betritt eine Apotheke im Stadtteil Harlaching. Er weiß, was er will: ein bestimmtes Krebsmedikament. Zuvor hatte er angerufen und das Präparat zurücklegen lassen. Apotheker Peter Sandmann prüft das Rezept sorgfältig. Arztnummer, Betriebsstätten-Nummer: Alles scheint korrekt. Was Sandmann in diesem Moment nicht ahnt: Das Rezept ist gefälscht. Der Mann nimmt das Medikament im Wert von rund 3.800 Euro mit – und verschwindet.
Solche Fälle von Rezeptfälschungen treten in Deutschland seit zwei Jahren vermehrt auf. Dabei beobachtet Christian Kruse vom Polizeipräsidium München, dass die Täter immer zielgerichteter vorgehen. Demnach gehen sie nicht mehr selbst in die Apotheken, sondern rekrutierten über Telegram-Gruppen sogenannte "Einlöser", zumeist Flüchtlinge aus Osteuropa.
Lukrativ: Abnehm-Spritzen und Krebsmedikamente
Manche von ihnen klappern an einem Tag mehrere Apotheken ab. Für ein eingelöstes Rezept erhalten sie etwa 50 Euro von den Hintermännern. Den Ermittlungen von Kruse zufolge werden so vor allem teure Abnehm-Spritzen wie Ozempic oder Wegovy erbeutet – und teure Krebsmedikamente für den Schwarzmarkt in Osteuropa. Der Schaden geht in die Millionen.
Auf Anfrage des BR-Politikmagazins Kontrovers wollten sich verschiedene Krankenkassen nicht näher äußern. Polizist Kruse aber hat durch seine Ermittlungen zumindest einen Eindruck: "Allein die Barmer Krankenkasse hat in etwas mehr als einem Jahr einen Schaden von 2,5 Millionen Euro zu verzeichnen. Und das ist nur eine von vielen betroffenen Kassen."
Organisierte Kriminalität: Staatsanwaltschaft ermittelt
Seit Anfang der Woche müssen sich zwei Männer aus Moldawien vor dem Amtsgericht in München verantworten. Sie sollen als "Einlöser" mit gefälschten Rezepten Medikamente erbeutet haben. Drei Verhandlungstage sind angesetzt, zehn Zeugen sollen vernommen werden. Es geht auch darum, den Hintermännern auf die Spur zu kommen.
Doch das ist nicht so einfach. Marie-Anne Tokaji von der Staatsanwaltschaft München I geht davon aus, dass es sich bei den Rezeptfälschungen nicht um Einzeltäter handelt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt im Bereich organisierte Kriminalität. "Diese Einlöser werden dann informiert, zu welchen Apotheken sie gehen können mit den Rezepten, werden während dieser Vorgänge auch betreut. Was mache ich? Wie gehe ich da rein? Dann gibt es diejenigen, die die Rezepte fertigen, diejenigen, die die Rezepte weitergeben, diejenigen, die die Anrufe tätigen."
Polizei warnt mehr als 1.000 Apotheken in Bayern
Die Spur der Ermittler führt nach Moskau. Nach dem Embargo gegen Russland seien dort viele Medikamente auf dem Schwarzmarkt gelandet. Wer liefern kann, mache ein lukratives Geschäft. Nach Kruses Ermittlungen seien "deutsche Mounjaro-Pens sogar in russischen Beauty-Salons angeboten worden – als Abnehmkur nach den Feiertagen."
Die Polizei hat inzwischen reagiert und mehr als 1.000 Apotheken in Bayern angeschrieben, um sie vor der Masche zu warnen. Der Münchner Apotheker Peter Sandmann ist sich sicher: Würden nur noch E-Rezepte ausgestellt werden, wäre es mit den Fälschungen schnell vorbei. Doch Sandmann zufolge sind es gerade die teuren Medikamente, die von Kliniken und onkologischen Großpraxen verordnet werden – "und die machen fast ausschließlich alles auf Papier".
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