Eva Weber CSU, Oberbürgermeisterin der Stadt Augsburg, beim Messerundgang zur Eröffnung der AFAIR Messe
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Die Oberbürgermeisterin der Stadt Augsburg Eva Weber (CSU) ist eine der nur 212 Frauen, die in Bayern eine Gemeinde leiten.
Bildrechte: picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer
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Die Oberbürgermeisterin der Stadt Augsburg Eva Weber (CSU) ist eine der nur 212 Frauen, die in Bayern eine Gemeinde leiten.

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Weit weg von Parität: Kommunalpolitik ist Männersache

Weit weg von Parität: Kommunalpolitik ist Männersache

In Bayerns Rathäusern sitzen vor allem mittelalte Männer. Daten zu Bürgermeistern, Land-Stadt- und Gemeinderäten zeigen: Frauen und junge Menschen bleiben in der Kommunalpolitik die Ausnahme – warum?

Über dieses Thema berichtet: Abendschau - Der Süden am .

Nur zehn Prozent der aktuellen bayerischen (Ober-)Bürgermeisterinnen und (Ober-)Bürgermeister sind Frauen. Das zeigen Daten des Bayerischen Landesamts für Statistik. Genauso wenige sind es bei den Landrätinnen und Landräten.

Grafik: So hoch ist der Frauenanteil in der Kommunalpolitik

"Die Kommune ist der Ort, wo Demokratie gelebt wird", sagt Helga Lukoschat Vorsitzende der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin (EAF). "Und gerade da ist es so wichtig, dass wir unterschiedliche Sichtweisen haben."

Experten: Frauen bei Direktwahlen seltener nominiert

Nur 212 der 2.056 Gemeinden in Bayern werden aktuell von einer Frau geleitet. Das Verhältnis ist nicht nur in Bayern so, sagt Lars Holtkamp, Professor für Politik und Verwaltung an der Fernuniversität Hagen. Und das habe sich auch in den vergangenen 20 Jahren nicht verändert. Einer der Hauptgründe sei das Wahlverfahren selbst. "Es ist eine Mehrheitswahl, das heißt, es gibt nur eine Position pro Partei zu verteilen." Darauf könne beispielsweise keine klassische Frauenquote sinnvoll angewendet werden. Das bestätigt auch Helga Lukoschat: "Auch in der Bundes- und Landespolitik ist es so, dass die Frauen vor allen Dingen über quotierte Listen einziehen."

Dabei spielt die Kandidatenauswahl eine große Rolle. Ein typisches Sprungbrett sei zum Beispiel das Amt des oder der Kreisvorsitzenden einer Partei: Von dort aus könne man als Mitarbeiter oder Mitarbeiterin eines Bundestagsabgeordneten starten und später selbst in den Bundestag, in den Landtag oder in die Kommunalpolitik gehen. Genau diese strategisch wichtigen Positionen werden aber meist von eingespielten männlichen Netzwerken besetzt, sagt Holtkamp. Dort werde sich abgesprochen: "Du kandidierst beim nächsten Mal als Bürgermeister, dafür gehe ich Richtung Bundestag" – so formuliert es der Politikwissenschaftler. "Das heißt, man muss in diese Machtzentren vorrücken, um sich selbst oder andere, denen man vertraut, in diese Position zu bringen." Der Bürgermeisterposten sei vor allem in den großen Kommunen mit mehr als 10.000 Einwohnerinnen und Einwohnern sehr attraktiv.

Strukturelle Nachteile für Kandidatinnen

Zeitliche und materielle Ressourcen seien aber entscheidend auf dem Weg zu einer erfolgreichen Kandidatur, sagt die EAF-Vorsitzende Lukoschat im Gespräch mit BR24. "Unsere Untersuchungen über Bürgermeister und Bürgermeisterinnen haben gezeigt, dass die Männer zumeist in traditionellen Partnerschaften leben, wo die Partnerinnen ihnen den Rücken freihalten – bei Kindern, Haushalt, Alltag. Damit haben sie in der Regel von vornherein mehr zeitliche Ressourcen als die Frauen." Untersuchungen würden auch ergeben (externer Link), dass Frauen dann aufgestellt werden, wenn Gewinnchancen als nicht besonders aussichtsreich gelten oder wenn sich kein männlicher Bewerber finde. Das bestätigt auch Lars Holtkamp.

Keine großen regionalen Unterschiede in Bayern

Innerhalb Bayerns gibt es kaum Unterschiede. Den höchsten Anteil an Bürgermeisterinnen gibt es in Unterfranken, rund 13 Prozent – den niedrigsten in der Oberpfalz (acht Prozent).

Bayernkarte: Hier sitzen Frauen im Rathaus

Wählen Sie aus, ob Sie die Gemeinden mit Bürgermeisterinnen oder die Landkreise mit Landrätinnen sehen möchten.

Etwas anders sieht es bei den Räten aus. In bayerischen Stadträten ist immerhin jedes dritte Mitglied eine Frau, in Kreistagen sind es 28 Prozent und in den Gemeinderäten immerhin gut 20 Prozent.

Listenwahlen ermöglichen Quoten

"Das ist das Schöne am Kumulieren und Panaschieren, dass man eine ganze Liste aufstellen muss." Die Bürgerinnen und Bürger haben die Möglichkeit, sich ihren eigenen Stadtrat, Gemeinderat oder Kreistag zusammenzustellen. Jeder Wähler und jeder Wählerin kann, wenn er oder sie das möchte, nur weibliche Bewerberinnen ankreuzen – unabhängig davon, wie hoch der Frauenanteil auf dem Stimmzettel ist. Nach der Wahl 2020 saßen in 80 bayerischen Gemeinderäten keine Frauen.

Nur 13 Bürgermeisterinnen und 134 Bürgermeister bis 40 Jahre

In Bayern gibt es aktuell nur 13 Bürgermeisterinnen und eine Landrätin, die 40 Jahre oder jünger sind. Zwei von ihnen sind Bürgermeisterinnen im Landkreis Freyung-Grafenau. Kristina Urmann (Neureichenau) und Carolin Pecho (Ringelai) sind seit 2020 im Amt.

Doch auch junge Männer haben vergleichsweise selten das Bürgermeisteramt inne. Lediglich 134 Bürgermeister in Bayern sind 40 Jahre oder jünger. Jüngster Bürgermeister in Bayern ist der im Jahr 2000 geborene Kristan Freiherr von Waldenfels (Lichtenberg im Landkreis Hof). Jüngste Bürgermeisterinnen sind Franziska Mattmann (Mönchsroth im Landkreis Ansbach) und Regina Lässer-Dorn (Betzigau im Landkreis Oberallgäu). Beide sind Jahrgang 1994.

70 Prozent der (Ober-)Bürgermeister und -Bürgermeisterinnen sind zwischen 45 und 64 Jahren alt, knapp 17 Prozent sind über 65 Jahre.

Lange Amtszeiten als Nachteil für junge Kandidierende

Beim Alter gibt es deutschlandweit Unterschiede, sagt Holtkamp von der Fernuniversität Hagen. In Baden-Württemberg gebe es "relativ junge Bürgermeisterkandidaten, die auch gewählt werden." Dort sei das Bürgermeisteramt offener, unter anderem da Wahlen nicht überall zur gleichen Zeit, sondern zeitlich versetzt stattfinden. "Das heißt, als junger Mensch mit guter Ausbildung kann man es mal in vier oder fünf Kommunen versuchen." Wenn alle zur selben Zeit wählen, gibt es nur eine Chance. In Bayern werden Bürgermeisterinnen und Bürgermeister alle sechs Jahre gewählt. Entscheidend ist am Ende meist die lange Parteikarriere und folglich ein höheres Alter.

Hinzu kommt: Viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister bleiben lange im Amt, was den Altersdurchschnitt nicht gerade senkt. "Wenn 90 Prozent der Ämter von Männern besetzt werden, die lange bleiben, ist es natürlich schwierig, Veränderungen herbeizuführen", sagt Politologin Helga Lukoschat. 50 Prozent der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister in Bayern sind seit mindestens zwei Amtszeiten, also seit 2014, im Amt.

Im Video: Weit weg von Parität – Kommunalpolitik ist Männersache

Der Frauenanteil bei Oberbürgermeister- und Bürgermeisterämtern liegt in Bayern bei 10 Prozent - und das seit 20 Jahren.
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Kommunalpolitik: Immer noch fest in Männerhand?

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