Schon am ersten Messetag um neun Uhr früh sind die Bierbänke in der Bayernhalle gut gefüllt. Blasmusik spielt, die ersten Gläser Bier des Tages werden ausgeschenkt. Der Freistaat nutzt die Messe, um kräftig für seine Produkte zu werben – und Touristen nach Bayern zu ziehen. In der 100-jährigen Geschichte der Grünen Woche mischt Bayern schon lange mit, wie ein Blick ins Fernseharchiv des Bayerischen Rundfunks zeigt.
Schon vor 50 Jahren schickte der damalige bayerische Landwirtschaftsminister Hans Eisenmann medienwirksam einen Pferde-Zweispänner mit bayerischen Schmankerln nach Berlin. Oder wie der Minister damals anmerkte: "In Berlin müssen wir sagen, Spezialitäten, weil man das Wort Schmankerl ja nicht versteht." Um solche Differenzen sozusagen zu überbrücken, durchschnitt er dann auf der Messe den Weißwurst-Äquator –symbolisch, indem er einen langen Strang Weißwürste mit der Schere zerschnitt.
Fragt man Besucher jetzt auf der Grünen Woche, ist das Wort Schmankerl durchaus bekannt, und sie werden in der Bayernhalle mit fränkischen Bratwürsten, Allgäuer Käse, Bier und Wein ausgiebig probiert. Die Halle ist eine der meistbesuchten der Grünen Woche, sagt Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber. "Wir wollen zeigen, dass die Landwirtschaft, aber auch der Tourismus in Bayern einzigartig sind, und hoffen da auf starke Wertschöpfung und gute Umsätze", so die CSU-Politikerin.
Ernährungssicherheit im Fokus
Auch wenn die Aufmerksamkeit vieler Besucher vor allem aufs Kulinarische gerichtet sein dürfte, für die Landwirtschafts- und Ernährungsbranche selbst ist die Messe eines der wichtigsten, auch politischen Treffen im Jahr. In diesem Jahr rückt die Weltpolitik wieder einmal in den Fokus. Von Bauernvertretern über Landwirtschaftsminister aus Bayern und dem Bund: Viele wollen die Ernährungsbranche als kritische Infrastruktur definiert sehen, die geschützt werden sollte.
Der Präsident des Bayerischen Bauernverbands, Günther Felßner, betont, dass Deutschland und Europa nur verteidigungsfähig seien, wenn die Menschen auch etwas zu essen hätten. "Wir brauchen nicht nur Panzer und Drohnen, wir brauchen auch Brötchen und Fleisch", sagt Felßner und fordert, die heimische Landwirtschaft zu stärken.
Streitthema Mercosur
Uneins sind sich Politiker, Bauernvertreter und die Branche beim Streitthema Mercosur. Das Handelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten, zu denen Brasilien und Argentinien gehören, soll am Wochenende unterschrieben werden. Mit dem Abkommen würde die größte Freihandelszone der Welt entstehen, Zölle würden weitestgehend wegfallen. Bauernvertreter kritisieren das Abkommen scharf und fürchten, dass billige Importe die Preise für Produkte wie Rindfleisch, Zucker und Geflügel drücken könnten.
Bayerns Landwirtschaftsministerin Kaniber hat kein Verständnis für die massive Kritik der Bauernschaft. Mit Blick auf die schwierige wirtschaftliche Lage sei ihr ein Stein vom Herzen gefallen, dass Europa es geschafft habe, wirtschaftspolitisch einen großen Stein ins Rollen zu bringen.
Auch der Deutsche Raiffeisenverband unterstützt Mercosur. Er ist eine wichtige Stimme in der Ernährungswirtschaft und vertritt viele Genossenschaften. Hauptgeschäftsführer Jörg Migende sieht im Freihandelsabkommen "mehr Chancen als Risiken für die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft". Es sei eine Riesenchance, Europa geopolitisch wieder stärker ins Spiel zu bringen, und gut für die Volkswirtschaft in Deutschland und Europa insgesamt. Außerdem sieht Migende gute Exportchancen für Milchprodukte, Fleisch und Wein. "Wenn Exportchancen entstehen, heißt es automatisch bessere Preise für Landwirte", sagt Migende.
So könnten demnächst fränkische Bratwürste, bayerisches Bier, Wein und Käse nicht nur hier auf der Grünen Woche großen Anklang finden, sondern vielleicht auch verstärkt in Brasilien, Argentinien und Co.
Im Video: Demo gegen die Agrarindustrie
Protest vor dem Brandenburger Tor.
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