An den Zufahrtsstraßen von Paris protestieren französische Landwirte mit Traktoren gegen das Abkommen. Sie sehen ihre Existenz bedroht. In Griechenland blockieren Bauern Autobahnen, in Belgien und Polen formieren sich Verbände gegen "unfaire Konkurrenz". So sehen es auch viele Bauern in Bayern. Der Protest findet allerdings nur vereinzelt statt.
Die Bauernproteste: Existenzangst auf den Feldern Europas
Darum geht es den Landwirten konkret: Billigere Importe von Rindfleisch, Zucker, Soja, Reis oder Geflügel aus Südamerika könnten die Preise auf dem EU-Markt drücken und regionale Produktion unrentabel machen. Viele Produzenten fühlen sich von Politik und Kommission im Stich gelassen.
Besonders problematisch erscheint ihnen, dass Produkte aus Mercosur-Ländern oft unter weniger strengen Umwelt-, Tierwohl- und Hygienestandards produziert werden. Das könne zu einem Wettlauf nach unten führen.
Selbst Quoten und Schutzmechanismen im Abkommen, die den Import sensibler Güter begrenzen sollen, erscheinen ihnen zu lasch oder schwer durchsetzbar. Die Sorgen sind tief verwurzelt und betreffen nicht nur Preise, sondern auch Identität, ländliche Lebensgrundlagen und das Selbstverständnis Europas als Hochpreis-Region mit hohen Standards.
Politische Hoffnungen: Handel, Jobs und globales Gewicht
Für die Wirtschaft sieht das anders aus. Deutschland, Spanien, die Niederlande und andere Befürworter sehen im Mercosur-Abkommen riesige Chancen: Europäische Industrie- und Agrarprodukte (wie Maschinenbau, Autos, Wein, Olivenöl) könnten ohne Zölle Zugang zu einem riesigen Markt mit fast 800 Millionen Menschen bekommen. Wirtschaftsexperten rechnen mit Milliarden zusätzlichem Handelsvolumen und Stärkung von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen.
Außerdem reduziert Europa seine Abhängigkeit von USA- oder China-Märkten, stärkt seine Position in Südamerika und bekommt Zugang zu Rohstoffen, darunter Lithium, Nickel, seltene Erden. Für Brüssel ist der Deal deshalb auch ein politisches Signal: Europa kann Handel gestalten, statt nur auf bilaterale Beziehungen mit Washington oder Peking angewiesen zu sein.
Geopolitik im Hintergrund: USA, China und ein regelbasierter Handel
Die derzeitige geopolitische Unordnung verleiht dem Abkommen eine zusätzliche Dramatik: Unter der Präsidentschaft von Donald Trump haben die USA Zölle erhöht und protektionistische Signale ausgesendet, was den internationalen Handel verkompliziert. Europa sieht im Mercosur-Abkommen einen Weg, sich unabhängiger von der US-Marktdynamik zu machen, aber zugleich Stärke zu demonstrieren in einer Zeit, in der transatlantische Handelsbeziehungen angespannt sind.
China investiert massiv in Südamerika, kauft dort Agrar- und Rohstoffe, baut Infrastruktur und sichert sich Einfluss. Für Europa wäre ein strategischer Partner wie Mercosur (Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay) ein Gegengewicht zu Pekings wachsenden ökonomischen und politischen Ambitionen auf dem Kontinent.
Ein zentraler Streitpunkt bleibt, ob der Handel nach einheitlichen globalen Regeln stattfindet oder ob Wettbewerbsverzerrungen entstehen, etwa durch unterschiedliche Standards oder Subventionen. Landesinteressen, Umweltstandards und wirtschaftliche Interessen kollidieren hier.
Im Video: Pro und Contra zum Mercosur-Abkommen
Pro und Contra zum Mercosur-Abkommen
Landwirtschaft im Zwiespalt: Gewinner, Verlierer oder beides?
Auch unter Ökonomen und Verbänden ist die Debatte nicht schwarz-weiß: Eine Reihe von Studien betont, dass manche europäischen Agrarsektoren profitieren könnten, etwa Exportbranchen wie bestimmte Milch-, Käse- oder Weinprodukte, da Zölle wegfallen oder geografische Angaben (zum Beispiel Parmigiano, Champagne) geschützt werden. Deshalb sehen Befürworter in dem Abkommen ein Mittel, Europas wirtschaftliche Interessen global zu verankern.
Andere warnen, dass die Hauptlast der Konkurrenz aus Mercosur bei Fleisch, Zucker und Getreide liegen könnte, wo europäische Produzenten nicht konkurrenzfähig sein können. Landwirte fühlen sich daher in existenzieller Notlage, weil sie nicht nur um Märkte, sondern um ihre Standards kämpfen. Auch wenn Experten, wie das Thünen-Institut, einen Produktionsrückgang von maximal 1,5 Prozent erwarten. Es geht vielmehr um eine Fairness-Frage: Wieso produzieren Landwirte in der EU unter strengeren Auflagen als die in Südamerika, wenn es ein gemeinsamer Wirtschaftsraum wird?
Brennglas für die Zukunft Europas
Das Mercosur-Abkommen ist mehr als nur ein Handelsvertrag – es ist ein Brennglas für die Zukunft Europas. Es zwingt zu einer brutal ehrlichen Frage:
Möchte die EU ein globaler Akteur mit offenen Märkten und strategischen Allianzen sein? Selbst wenn dies den eigenen Bauern Anpassungen abverlangt? Mit der Zustimmung hat die EU diese Frage nach mehr als 25 Jahren mit einem "Ja" beantwortet.
Im Video: Nach 25 Jahren Verhandlungen werden die EU und die Mercosur-Staaten das Freihandelsabkommen unterzeichnen
Mercosur-Handelsabkommen
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