Europa und KI – das klingt für viele nach einer Verliererstory. Doch der Kontinent hat mehr zu bieten, als man denkt. Black Forest Labs aus Freiburg entwickelt weltweit führende Bildgenerierung, Mistral aus Paris baut ein eigenes KI-Ökosystem auf, N8n und Make stellen Tools zur Automatisierung bereit. Und zwei aktuelle Erfolgsgeschichten zeigen konkret, wo Europas Stärken liegen: das Schweizer KI-Labor Giotto.ai und das Berliner Start-up Parloa.
Ein Schweizer Labor schlägt das Silicon Valley
Das Start-up Giotto.ai sorgt gerade international für Aufmerksamkeit. Der Grund: Bei einem der anspruchsvollsten KI-Wettbewerbe der Welt, dem ARC-AGI-Preis, hat das kleine Team aus Lausanne die großen US-Labore hinter sich gelassen – und das mit einem Bruchteil des Budgets. Giotto.ai hat dafür eine völlig neue technische Architektur entwickelt: ein deutlich kleineres Sprachmodell, das sich kontextabhängig für jede neue Aufgabe anpasst und dabei seine eigenen Parameter verändert.
Das Unternehmen wurde 2017 gegründet und hat seine Wurzeln in der Forschung an der ETH Zürich und der EPFL in Lausanne. Im Gespräch mit "Der KI-Podcast" sieht Gründer Aldo Podestà viele Vorteile an Europa: Anders als in den USA, wo KI-Experten gerne alle paar Monate von Unternehmen zu Unternehmen wechseln, bestehe hier der Wille, dauerhaft etwas aufzubauen. Und großartige KI-Talente gibt es in Europa jede Menge.
Es gibt auch Schwierigkeiten in Europa
Doch Podestà betont auch die Probleme: "Es gibt in Europa keinen gemeinsamen Markt. Wenn man an die Börse will, macht man das also lieber in den USA. Und es gibt keine Steuerharmonisierung. Von der Schweiz aus gesehen sind für uns vor allem Frankreich, Deutschland und Italien wichtig – das sind drei verschiedene Steuersysteme, drei verschiedene Sozialversicherungssysteme. Eigentlich vier, wenn man die Schweiz mitzählt. Das ist ein Albtraum."
Seine Motivation, trotzdem in Europa zu bleiben? "Wir müssen verstehen, dass wir die Intelligenz besitzen müssen. Wenn wir die Intelligenz nicht besitzen, werden wir in einer sehr schwachen Position sein."
Von der Alexa-Agentur zum Milliarden-Start-up
Während Giotto.ai an den Grundlagen der KI forscht, hat das Berliner Unternehmen Parloa einen anderen Weg gewählt: die praktische Anwendung. Das 2018 gegründete Start-up baut KI-Agenten für den Kundenservice großer Unternehmen – und ist damit zum Unicorn geworden, also ein Start-up mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar.
Die Geschichte von Parloa begann schon lange vor dem heutigen KI-Hype. "Wir haben im Jahr 2017 angefangen, uns mit dem Thema Voice-KI zu beschäftigen", erzählt Gründer und CEO Malte Kosub im Gespräch mit "Der KI-Podcast".
Parloa: Intern entwickelte Plattform wird zum eigentlichen Geschäftsmodell
In seinen Anfängen war das Unternehmen noch vor allem Beratungsdienstleister. Doch schon nach einigen Jahren entschied man sich, die intern entwickelte Plattform Parloa zum eigentlichen Geschäftsmodell zu machen – und ganz auf Kommunikation mit KI-Sprachmodellen zu setzen." Das war damals eine risikoreiche Entscheidung, weil Large Language Models viel zu lange gebraucht haben, um eine Antwort zu generieren", erinnert sich Kosub.
"Und wir machen ja viel Telefonie-KI. Stell dir vor, ein KI-Agent geht ran und braucht 30 Sekunden, um eine Antwort zu geben. Das funktioniert gar nicht." Doch Kosub und sein Team wetteten darauf, dass die KI schnell besser werden würde. Eine richtige Entscheidung: Heute automatisiert Parloa millionenfach Telefonate.
In der Zergliederung Europas sieht Kosub dabei sogar eigenen indirekten Vorteil: "Bei uns geht es ja um Sprache und wir sind aus Deutschland, aus Europa. Wir mussten also von Tag 1 in vielen Sprachen denken." Das helfe beim globalen Wachstum, denn große Unternehmen seien oft in 50, 100 oder 150 Ländern unterwegs. "Wenn wir uns amerikanische Konkurrenten angucken, die denken erst mal nur in Englisch und Spanisch und nicht in 25 verschiedenen Sprachen."
🎧 Wie verändert KI unser Leben? Und welche KI-Programme sind in meinem Alltag wirklich wichtig? Antworten auf diese und weitere Fragen diskutieren Gregor Schmalzried, Marie Kilg und Fritz Espenlaub jede Woche in "Der KI-Podcast" – dem Podcast von BR24 und SWR.
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