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Künstliche Intelligenz ist mittlerweile allgegenwärtig. Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen: In Deutschland nutzt jedes vierte Unternehmen (26 Prozent) KI; betrachtet man nur die großen Unternehmen sind es über die Hälfte (57 Prozent).
Gehen Arbeitsplätze verloren?
Auch in den Diskussionen über den angeschlagenen Sozialstaat, zum Beispiel in den vergangenen Wochen rund um die Rentenreform, beschäftigte BR24-User die Frage nach KI in der Arbeitswelt. So zum Beispiel "Witzlassnach": "(...) Immer mehr Menschen werden durch Roboter ersetzt und verlieren durch die Automatisierung ihre Arbeitsplätze. Sie können dann nicht in die Rentenkasse einzahlen und müssen vom Staat finanziert werden. Eine Robotersteuer wäre eine sinnvolle Idee, um die Folgen der zunehmenden Automatisierung und des Arbeitsplatzverlustes durch Roboter und KI abzufedern. (...)"
Auf BR24-Anfrage teilt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) zunächst mit: "Ob der Einsatz von KI oder die technische Möglichkeit, KI zur Automatisierung von Tätigkeiten einzusetzen, dabei im Saldo überhaupt zu Arbeitsplatzverlusten führt, ist eine viel diskutierte, jedoch offene und gestaltbare Frage."
Mit dieser Frage beschäftigt sich auch Klaus Wohlrabe, Leiter Umfragen beim ifo-Institut. Sein Institut fand schon im Mai 2025 über eine Umfrage heraus, dass mehr als ein Viertel der Unternehmen damit rechnen, dass KI in den kommenden fünf Jahren zum Abbau von Stellen führen wird, im Schnitt um etwa acht Prozent.
Ministerium denkt nicht über KI-Steuer nach
Angesprochen auf eine mögliche KI-Steuer gibt das Bundesarbeitsministerium an, sich derzeit nicht mit dieser Möglichkeit auseinanderzusetzen. Auch auf die Frage nach anderen Lösungsmöglichkeiten für eine Situation, in der künstliche Intelligenz in den nächsten Jahren für einen Verlust von Sozialstaats-Einnahmen sorgt, wird nicht explizit geantwortet. Vielmehr verweist das BMAS auf ein anderes Szenario, analysiert vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Ende November 2025.
Dieses sieht eine kumulierte Steigerung des BIP durch den Einsatz von KI um 4,5 Billionen Euro in den nächsten 15 Jahren voraus – und "Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt". Heißt: Manche Jobs in ihrer jetzigen Form werden verschwinden, andere aber entstehen. Laut BMAS dürfte diese Arbeitsplatzmobilität wichtiger werden. "Unter der Annahme, dass es gelingt, neue Geschäftsmodelle zu etablieren, bleibt die Beschäftigung im Saldo gleich."
Forderung: Mehr über Folgen für Sozialstaat nachdenken
Sowohl Wohlrabe als auch Nils Schmidbauer, Pressesprecher von Ver.di in Bayern, finden: Das reicht nicht aus. Aus ihrer Sicht beschäftigt sich die Politik gerade nicht ausreichend mit den möglichen Implikationen für den Sozialstaat. "Das Sozialsystem in Deutschland wird vor allem durch Lohnsteuer finanziert. Natürlich muss sich ein Staat fragen: Wie soll das weitergehen?", so Schmidbauer.
Doch welche Möglichkeiten hat der Staat, um den Sozialstaat und seinen Einnahmefluss abzusichern, wenn künstliche Intelligenzen immer mehr Menschen aus Jobs verdrängen würde? Eine klassische "Robotersteuer" in der zum Beispiel alle Arbeitsstunden einer Maschine oder KI besteuert werden, halten sowohl Wohlrabe als auch Schmidbauer für schwierig umzusetzen und verweisen auf die hohen bürokratischen und organisatorischen Hürden einer solchen Steuer.
Mögliche andere Ansätze, die diskutiert werden könnten
Dass es eine andere Art der Einnahmequelle für den Sozialstaat brauchen würde, da sind sich beide einig. Wohlrabe bringt bei möglichen Ansätzen eine angepasste Kapitalertragssteuer ins Spiel. Wenn ein Unternehmen durch den Einsatz von KI mehr verdient und weniger Löhne zahlt, könnte der höhere Gewinn stärker besteuert werden und so zusätzliches Geld an den Staat fließen. Ebenfalls vorstellbar ist laut ihm eine Anpassung der Lohnsteuer. So könnte man Topverdiener, die sich im Bereich KI ein hohes Gehalt verdienen, höher besteuern und damit Lohnsteuerverluste ausgleichen.
Schmidbauer hält von dieser Idee nichts. Laut ihm sind die Gehälter für top ausgebildete KI-Ingenieure schon jetzt, zum Beispiel auf dem amerikanischen Markt, deutlich höher als hier. Würde man nun auch noch eine höhere Lohnsteuer ansetzen, bestehe die reale Gefahr einer Abwanderung der meisten Fachkräfte im Bereich KI und damit dann auch ein Technologierückstand Deutschlands. Für ihn wäre viel mehr eine Anpassung der Erbschaftssteuer für Vermögende ein sinnvoller Weg, um zusätzliches Geld für den Sozialstaat zu gewinnen.
Prinzipiell, so Schmidbauer, sei gerade aber vor allem wichtig, dass die Arbeitnehmer und Gewerkschaften an den Entwicklungen rund um KI im Arbeitsleben mitentscheiden dürfen und dass Menschen ausreichend fortgebildet werden, um mögliche Verschiebungen in der Arbeitswelt annehmen zu können.
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