Ein Mann geht in Teheran an Anzeigen für Wechselkurse vorbei
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Der Verfall der Landeswährung Rial spielt eine große Rolle bei den Protesten
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Der Verfall der Landeswährung Rial spielt eine große Rolle bei den Protesten

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Tote bei neuer Protestwelle im Iran

Tote bei neuer Protestwelle im Iran

Im Iran treiben akuter Währungsverfall, schlechte Wirtschaftslage und galoppierende Inflation die Bevölkerung zu Protesten auf die Straße. Die Regierung antwortet mit Versprechungen, aber auch mit Repression. Bisher gab es sechs Todesopfer.

Über dieses Thema berichtet: Bayern-2-Nachrichten am .

Den fünften Tag in Folge sind Menschenmassen im Iran angesichts der schweren Wirtschaftskrise gegen die autoritäre Staatsführung auf die Straße gegangen. Augenzeugen zufolge gingen in den Metropolen Sicherheitskräfte mit massiven Aufgeboten gegen Demonstranten vor, vor allem auf dem Land war das Einschreiten der Polizei offenbar besonders brutal.

Bei Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und Sicherheitskräften im Westen des Landes wurden nach Angaben iranischer Medien sechs Menschen getötet. Präsident Massud Peseschkian suchte bei einem Provinzbesuch unterdessen den Dialog. 

Zwei Demonstranten in Distrikthauptstadt getötet

Vor allem in den ländlichen Regionen des Iran kam es seit Mittwochabend zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Dabei wurden am Donnerstag nach Angaben der Nachrichtenagentur Fars in der Stadt Lordegan in der südwestlichen Provinz Schahar Mahall-Bachtiari zwei Menschen getötet sowie drei weitere Menschen in der Stadt Asna in der benachbarten Provinz Lorestan.

Demonstranten hätten in Lordegan Steine auf Verwaltungsgebäude geworfen und rund um das Büro des Provinzgouverneurs, eine Moschee, das Rathaus und Banken randaliert, meldeten Staatsmedien. Die Polizei habe Tränengas eingesetzt und in der Stadt mehrere als "Rädelsführer" beschriebene Menschen festgenommen. In Asna wurde laut Fars ein Polizeikommissariat von Randalierern angegriffen.

Menschenrechtler widersprechen Bericht in Staatsmedien

Nach Angaben des staatlichen Rundfunks kam bei den Protesten außerdem in Kuhdascht in der westlichen Provinz Lorestan ein 21-jähriges Mitglied der regierungstreuen Basidsch-Miliz ums Leben. Der Mann sei "bei der Verteidigung der öffentlichen Ordnung von Randalierern getötet" worden, hieß es im Staatsfernsehen. Bei den Demonstrationen seien dem Vize-Gouverneur zufolge zudem 13 Polizisten und Basidsch-Mitglieder "durch Steinwürfe verletzt" worden. Der Justizchef der Provinz kündigte an, die Verantwortlichen für seinen Tod würden mit einer Politik der "Null-Toleranz" und "entschiedenem Vorgehen" zur Rechenschaft gezogen.

Die Menschenrechtsgruppe Hengaw wies diese staatliche Darstellung zurück. Bei dem jungen Mann handle es sich keineswegs um ein Mitglied der Basidsch, sondern um einen Bürger, der durch Schüsse von Sicherheitskräften getötet worden sei und nicht von Demonstranten. Er sei aus nächster Nähe durch einen Kopfschuss getötet worden, berichteten die Aktivisten unter Berufung auf informierte Kreise. Die Angaben beider Seiten ließen sich zunächst nicht unabhängig verifizieren.

Gepanzerte Fahrzeuge gegen Menschenmengen

Weitere schwere Ausschreitungen gab es nach Angaben von Aktivisten in den Provinzen Fars, Tschahar Mahal und Bachtiari sowie in Kermanschah. In der Stadt Marwdascht strömten Menschenmengen auf die Straßen, begleitet von Hupkonzerten, während paramilitärische Einheiten mit gepanzerten Fahrzeugen und Motorradkolonnen gegen die Demonstrierenden vorgingen. Wie viele Menschen sich in dem Land mit gut 90 Millionen Einwohnern bislang an den Protesten beteiligen, ist unklar.

Wirtschaftskrise Auslöser der aktuellen Proteste

Bei der iranischen Bevölkerung wächst seit Monaten die Unzufriedenheit über die hohe Inflation und die schlechte Wirtschaftslage. Die Wirtschaft des Iran ist durch die wegen des iranischen Atomprogramms verhängten westlichen Sanktionen geschwächt. Die aktuellen Demonstrationen waren am Sonntag nach einem plötzlichen Einbruch des Wechselkurses von Teherans größtem Handy-Markt ausgegangen. Spontan gingen vor allem Händler in der Hauptstadt auf die Straße.

In den folgenden Tagen erfassen die Proteste auch andere Landesteile und Bevölkerungsschichten. Auch Studentenverbände, die bereits frühere Protestwellen mitgetragen hatten, riefen zu Demonstrationen auf. Studenten an mindestens zehn Universitäten des Landes sowie Menschen in zahlreichen anderen Städten schlossen sich den spontanen Protesten an. 

Präsident räumt Fehler ein

Der Generalstaatsanwalt des Iran, Mohammed Mohawedi-Asad, hatte am Mittwoch eine Warnung an die Protestierenden gerichtet. Friedliche Demonstrationen für bessere Lebensbedingungen seien legitim, sagte er in Staatsmedien. Doch "jeder Versuch, die Wirtschaftsproteste zu einem Werkzeug der Unsicherheit" oder "einer Umsetzung von außerhalb des Landes entworfenen Szenarien" werde "unvermeidlich eine legale, angemessene und entschiedene Antwort auslösen". 

Der iranische Präsident Massud Peseschkian setzt offenbar auf Beschwichtigung, bei einem Besuch in der Provinz Tschahar Mahal und Bachtiari räumte er am Donnerstag Fehler seiner Regierung ein. Peseschkian kündigte Wirtschaftsreformen an, mit ungewöhnlicher Offenheit erklärte der moderat-konservative Politiker, Staat und Banken trügen die Schuld an der Inflation. Sie hätten die "Taschen der benachteiligten Menschen" geleert und deren Kaufkraft geschwächt.

Der israelische Geheimdienst Mossad rief die Menschen im Iran indes zu weiteren Protesten auf. "Geht zusammen raus auf die Straße. Die Zeit ist gekommen. Wir sind mit Euch", schrieb der Mossad am Mittwoch in einer Botschaft auf Farsi. "Nicht nur aus der Entfernung oder mit Worten. Wir sind auch mit euch vor Ort," hieß es darin weiter.

Mit Informationen von dpa und AFP

Im Video: Mehrere Tote im Iran

Protest im Iran
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Protest im Iran

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