Das 191. Oktoberfest hat begonnen und gleich einige Erkenntnisse gebracht: Anzapfen kann man trainieren. Eine übermüdete Menschenmenge kann Disziplin. Politiker von CSU und Grünen können zusammenarbeiten. Trotz Maß-Preisen bis 15,90 Euro waren die Zelte gut gefüllt. Die Polizei sprach von einem ruhigen Wiesnstart. Die Sanitäter mussten sich um einen Armbruch, mehrere Alkoholvergiftungen und in einem Fahrgeschäft stecken gebliebene Besucher kümmern. Der erste Tag im Detail.
"Run": Disziplin und Guerilla
Am Samstagmittag einen Platz in einem der Festzelte zu bekommen, ist harte Arbeit: Wer sichergehen will, verbringt die Nacht in der Warteschlange, bis um 9 Uhr die Eingänge geöffnet werden und der "Run" beginnt. Im vergangenen Jahr brach kurz Chaos aus, weil die Menge an einem Eingang einfach los- und die Security überrannte. Diesmal war man offensichtlich besser vorbereitet: Erst um 9:07 Uhr durfte eine überraschend disziplinierte Wartemenge an der Bavaria aufs Gelände, die ebenso Disziplinierten am Haupteingang sogar erst um 9:11 Uhr. Wer einen Platz hatte, musste dann noch knapp drei Stunden aufs erste Bier warten – außer diejenigen, die erzählten, schon in der Warteschlange in einer Art "Guerilla-Aktion" von der Brauerei Giesinger beschenkt worden zu sein, die ebenfalls gern auf der Wiesn vertreten wäre.
Einzug: Krause hält inne
Der Münchner OB kommt traditionell mit dem Einzug der Wiesn-Wirte in der Schottenhamel-Kutsche. Etwa 55.000 Zuschauerinnen und Zuschauer verzeichnete die Polizei auf der Zugstrecke. Krause ließ diesmal allerdings den Festzug am Haupteingang anhalten, stieg aus und stellte sich zusammen mit der Zweiten und der Dritten Bürgermeisterin für ein kurzes Gedenken an das Denkmal für die Opfer des Oktoberfest-Attentats. 1980 waren bei einem rechtsextremistischen Anschlag 12 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt worden. Am offiziellen Gedenktag kann Krause wegen des Entscheids über die Olympia-Bewerbung nicht teilnehmen.
Anzapfen: Makellose Premiere
Die Spanne ist groß: 17 Schläge brauchte der erste "Anzapf-OB" Thomas Wimmer 1950, nur zwei die routinierten Vorgänger Krauses, Dieter Reiter und Christian Ude. Alle schauten mit Spannung: Wie viele Schläge braucht der Neue? Der holte aus, schlug zweimal schnell, gezielt und kräftig zu, war nach zwei Sekunden fertig und rief: "O'zapft is!" Zwei halbe Bier habe er am Vorabend getrunken, "zum Einschlafen", verriet er, und einen wichtigen Tipp beherzigt: "Man sollte bloß nicht größenwahnsinnig werden und einen Schlag probieren, weil dann geht's auf jeden Fall schief."
Im Video: O'zapft is
Mit zwei Schlägen hat Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause das erste Bierfass angezapft und damit das 191. Oktoberfest offiziell eröffnet.
Krause und Söder: Die Stimmung stimmt
Beim Anzapfen im Schottenhamel-Festzelt darf der bayerische Ministerpräsident nicht fehlen, er muss aber eine für ihn ungewohnte Position einnehmen: die in der zweiten Reihe. Ob Markus Söder (CSU) seinem neuen Vordermann etwas Angst machen wollte? Er hatte ihm "gerade noch erzählt, was alles schiefgehen kann", bekannte Krause vor dem Anzapfen. Vor den Kameras sagte Söder jedenfalls: "Der Oberbürgermeister wird das jetzt sicher super machen", und betonte später: Er habe Krause noch gesagt, "zwei oder vier, ist doch völlig egal – aber das war jetzt perfekt heute". Söder betonte sogar die gute Zusammenarbeit mit dem neuen Münchner OB – wollte dann aber doch klarstellen, das beziehe sich vor allem auf die anstehende Entscheidung, ob München deutsche Bewerberstadt für Olympia wird: "Das heißt aber nichts für andere Dinge."
Sanitäter: Armbruch und Alkoholkonsum
Trotz des großen Andrangs war es für die Polizei ein recht ruhiger Wiesnstart, und auch die Sanitätsstation hatte überwiegend Routineeinsätze. So wurden etwa Sturzverletzungen, Schnittwunden und Kreislaufprobleme behandelt. Knapp vier Stunden nach dem Anstich auf der Wiesn wurde ein 19-Jähriger als erster Patient mit Alkoholvergiftung registriert.
Am Nachmittag gab es noch einen etwas kuriosen Einsatz: Ein 25-Jähriger aus Berlin hatte sich beim Armdrücken den selbigen gebrochen. Er wurde im Akutraum behandelt. Für die Revanche "empfehlen wir nur Daumen drücken", schrieb das Team der Aicher-Ambulanz in seiner Mitteilung scherzhaft – und wünschte dem "armen Kerl" gute Besserung.
Am Abend behandelte die Aicher Ambulanz noch einige Jugendliche wegen Schwindels und Kreislaufproblemen. Der Grund: Rund fünf Minuten sollen die Besucher eines Fahrgeschäfts auf dem Oktoberfest über Kopf gehangen haben. Beim Eintreffen des Sanitätsdienstes waren die Personen bereits wieder auf dem Boden.
Wiesn-Zelte trotz Bierpreisen gut gefüllt
Zu einer kritischen Überfüllung des Geländes wie im vergangenen Jahr ist es bisher nicht gekommen. Bei durchweg sonnigem Wetter strömten die Besucher aber in Scharen auf das Festgelände. Schon am frühen Nachmittag waren viele Festzelte geschlossen, weil es keine freien Plätze mehr gab. Voll besetzt waren schnell auch die Biergärten. Wiesnwirte-Sprecher Peter Inselkammer erklärte, warum die Zelte auch trotz der hohen Bierpreise gefüllt seien: "Ich glaube, dass die Leute feiern wollen. Das merkt man immer wieder, egal welche Krisen weltweit gerade stattfinden." Dann sei der Preis nicht immer das Entscheidende, so Inselkammer. "Die dritte oder vierte Maß wird vielleicht mal eingespart, das kann natürlich sein, das werden wir die nächsten Wochen sehen", sagt der Wirt.
Zum Hören: So lief der Wiesn-Start
Bis zum 4. Oktober wird dann auf der Theresienwiese gefeiert. An die sieben Millionen Besucher werden erwartet.
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